Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle im Interview:

Herr Spaenle, fangen wir mit den Kleinsten an. Laut Horst Seehofer wird bis 2018 jeder Grundschüler ein bedarfsgerechtes Ganztagesangebot erhalten. Wo soll das zusätzliche Personal dafür herkommen?
Ludwig Spaenle: Bereits ab diesem Schuljahr wird neben der gebundenen Ganztagsschule auch die offene im regulären Schulbetrieb angeboten. Deswegen, aber auch wegen der Herausforderung durch die Beschulung der Flüchtlingskinder, haben wir knapp 2000 zusätzliche Stellen geschaffen. Das heißt, wir haben, so lange ich denken kann, erstmals die Volleinstellung von Lehramtsbewerbern für die Grund- und die Mittelschulen. Die Wartelisten sind abgeräumt.

Die Prognose Ihres Ministeriums besagt, dass gerade hier der Lehrerbedarf bis mindestens 2025 hoch bleiben wird, demgegenüber aber zu wenige Bewerber stehen, weil die meisten Studierenden am Gymnasium unterrichten wollen.
Spaenle: Da muss man genauer hinschauen. Für die Mittelschule stimmt das, da könnten es auch mehr Bewerber sein. Im Bereich der Grundschule haben wir prinzipiell eher viele Studierende. Grundsätzlich haben wir eine sehr differenzierte Lage. An den weiterführenden Schulen existieren zum Beispiel in den MINT-Fächern sowie Kunst und Musik gute Beschäftigungsmöglichkeiten, dagegen gibt es in den Geisteswissenschaften einen deutlichen Überhang an Studierenden.

Gymnasiallehrer beklagen, die Kinder kämen zu schlecht vorbereitet von der Grundschule, Hochschullehrer jammern, zu viele Abiturienten seien eigentlich nicht reif für die Uni, weder fachlich noch menschlich. Handwerksbetriebe suchen zum Teil verzweifelt nach geeigneten Auszubildenden. Was läuft da schief?
Spaenle: Es gibt den Spruch von Cicero, wonach die Jugend von heute rebellisch und nicht lernwillig sei. Der Spruch ist 2000 Jahre alt und wird Generation für Generation gern wiederholt.

Sie halten die Kritik also für Gejammer ohne Substanz?
Spaenle: Nein. Man muss immer genau hinschauen und den Einzelfall betrachten. Ich glaube halt, dass man uns nicht vorwerfen kann, wir würden zu wenig Rücksicht auf die individuelle Lernentwicklung der Kinder nehmen. Nur ein Beispiel: Wenn sich in der ersten Klasse zeigt, dass ein Kind unterfordert ist, kann es in der flexiblen Grundschule gleich die zweite auslassen. Das machen ein bis zwei Prozent. Fünf Prozent nehmen für den gleichen Stoff drei Jahre in Anspruch. Auch das geht. Und dieses Prinzip der Durchlässigkeit setzt sich in den anderen Schultypen fort. Ein Beleg für den Erfolg dieses Systems ist, dass wir in Bayern — in anderen Ländern gibt es das nicht — zum sechsten Mal in Folge stabile Übertrittsquoten haben: 40 Prozent wechseln nach der Grundschule ans Gymnasium, jeweils 30 an die Real- oder die Mittelschule.

Ist die Volksmeinung, dass das Leistungsniveau stetig sinkt, also falsch?
Spaenle: Ich kenne niemanden, der die Qualität unserer Schulabschlüsse anzweifelt. Im bayerischen Abitur ist die Anforderungssituation nie als zu leicht beschrieben worden. Unsere Realschulprüfungen erreichen teilweise das Niveau von Abiturprüfungen in anderen Bundesländern. Und auch das, was an der Mittelschule verlangt wird, ist nicht ohne. Richtig ist: Wenn sich herausstellt, dass Kinder mehr Zeit brauchen, um den Anforderungen gerecht zu werden, dann muss man ihnen diese geben.

Der Bund gibt fünf Milliarden Euro für die Anschaffung digitaler Hilfsmittel. Macht es wirklich Sinn, Smartphone-Abhängige, die sich ohnehin nicht mehr konzentrieren können, auch noch im Unterricht vor einen Bildschirm zu setzen?
Spaenle: Die Digitalisierung kommt, ob wir das wollen oder nicht. Unsere Aufgabe ist es, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Pädagogisch gesehen ist die Hardware weniger zentral, technisch ist sie wichtig.

Das müssen Sie erklären.
Spaenle: Digitalisierung verändert das Kerngeschäft schulischer Vermittlung bis hin zur wissenschaftlichen Arbeit. Aber man muss aufpassen, dass der Lehrer Subjekt des Handelns bleibt und nicht zum Objekt wird.

Sie rufen also nicht das Ende der Kreidezeit aus?
Spaenle: Entscheidend für einen guten Unterricht sind nach wie vor weder Whiteboards noch Laptops, sondern die Lehrkräfte. Früher war das Sprachlabor das Maß der Dinge, dann hatte man die ersten Computer und Overhead-Projektoren. Der Quantensprung jetzt ist, dass die Lernmittel — etwas überspitzt gesagt — intelligent werden und darauf müssen wir Antworten finden.

Wäre es nicht sinnvoll, ein neues Hauptfach zu schaffen, in dem die wichtigsten Aspekte der Digitalisierung erläutert werden?
Spaenle: Es gibt ja zum Beispiel schon das Fach Informatik, das sich damit beschäftigt.

Das hat aber nicht die gleiche Wertigkeit wie Mathematik oder Deutsch.
Spaenle: Wer wie ich ständig mit Bildungspolitik zu tun hat, der weiß: Eine Stunde mehr für Schüler und Lehrer, wäre nicht leicht zu realisieren. Im Klartext: Das ist nicht durchsetzbar, ohne etwas anderes wegzulassen. Die Kompetenz in Sachen Digitalisierung muss geschärft werden, aber nicht zulasten der klassischen Kulturtechniken.

Müssen die Kinder künftig in der Schule noch mitschreiben?
Spaenle: Ja. In Bayern wird an den Grundschulen weiterhin selbstverständlich die Schreibschrift gelehrt. Die Schreibschrift hilft, besondere Fähigkeiten zu entwickeln.

Viele Schulen haben bereits Whiteboards, Tablets und Ähnliches. Nicht alle Lehrer arbeiten damit. Werden Sie das in Zukunft vorschreiben, wenn doch so viel Geld für neue Technik ausgegeben wird?
Spaenle: Ein Lehrer ist in hohem Maße selbst für die Gestaltung seines Unterrichts verantwortlich. Eine jüngst veröffentlichte Erhebung zeigt auf, dass ein großer Anteil bayerischer Lehrkräfte bereits heute modernste IT-Anwendungen im Unterricht nutzt.

Beim Streit um G 8 oder G 9 eiert die Staatsregierung seit Jahren herum. Der Schwabacher CSU-Landtagsabgeordnete und frühere Bildungsstaatssekretär Karl Freller hat einen Ausweg präsentiert. Sein Konzept, das er „Zehn Plus“ nennt, soll Horst Seehofer gut gefallen — und Ihnen?
Spaenle: Niemand eiert herum. Es ist pädagogisch notwendig, dass die Anwendung unterschiedlicher Lernzeit auch in der größten Schulart, am Gymnasium, möglich ist. Kollege Freller leistet mit seinem Vorschlag einen Beitrag zum Dialogprozess. Der Vorschlag fußt auf einer Grundüberlegung, wie es das Flexibilisierungsjahr bereits anbietet.

Wohin geht die gymnasiale Reise? „Zehn Plus“, ein freiwilliges Zusatzjahr nach der zehnten Klasse, meint ja etwas anderes als das, was Sie wollen.
Spaenle: Wir befinden uns — wie im Kabinett beschlossen — in der Dialogphase: Ein Eckpunkt des Dialogs ist die Möglichkeit, dass die Einzelschule einen Antrag formuliert, eine neunjährige Lernzeit anbieten zu können. Auch andere Vorschläge wie ein angekündigtes Modulkonzept oder der Vorschlag des Kollegen Freller werden in den Dialog mit einbezogen.

Zeugen die vielen Verbesserungswünsche, unter anderem von Lehrerverbänden, nicht davon, dass an bayerischen Gymnasien diesbezüglich Chaos herrscht?
Spaenle: Ich antworte mit der Wirklichkeit. Das bayerische Gymnasium ist so erfolgreich wie nie. Als ich Abitur gemacht habe, gingen 20 Prozent der Grundschüler ans Gymnasium, als das G 8 eingeführt wurde, was, wie ich gerne einräume, in der Art der Einführung suboptimal ablief, waren es 30 Prozent. Jetzt sind es 40. Bayern kann G 8 und G 9. Bei der Abiturdurchschnittsnote stehen wir wieder auf Platz drei von 16 Ländern.

Hinter vorgehaltener Hand sagen die Schulleiter: Der Minister macht es sich leicht und wälzt die Verantwortung auf die einzelnen Gymnasien ab.
Spaenle: Wenn es wirklich ab dem kommenden Schuljahr so kommt — bis Weihnachten werden wir das intensiv diskutieren —, dann bleibt die letzte Verantwortung doch bei mir. Das Kultusministerium muss über den Antrag der Schulfamilie, bestehend aus Schulleitung, Lehrern, Schülern, Eltern und dem Sachaufwandsträger, entscheiden.

Ein weiterer Aufreger am Gymnasium: die zweite Fremdsprache schon ab der sechsten Klasse. Sollte man diese zusätzliche Belastung nicht wieder in die siebte Klasse schieben?
Spaenle: Wir hatten am Gymnasium noch nie so viele Schüler wie heute, wollen aber ein pädagogisches Gebäude, einen Lehrplan für alle: Acht Jahre Stoff für unterschiedlich viel Zeit. Wenn ich aber im G 9 erst in der siebten Klasse mit der zweiten Fremdsprache beginne und im G 8 in der sechsten, dann habe ich zwei verschiedene Schulen – das will ich nicht.

Beeindrucken Sie die Klagen der Schüler, die sich genau an dem Punkt überfordert fühlen, nicht?
Spaenle: Noch mal: Man hat das — übrigens schon damals für das geplante neue G 9 – so beschlossen, um mehr Zeit zu haben. Andernfalls hätten wir eine dramatische Erhöhung der Vermittlungsintensität.

Interview: Michael Husarek, Kurt Heidingsfelder

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