Pädagogen sind immer häufiger OPFER von physischer und psychischer Gewalt. Ein Fall aus Weiden im Oktober vergangenen Jahres machte Schlagzeilen: Eine Lehrerin wurde im Unterricht vor ihrer Klasse geohrfeigt – und zwar vom Bekannten einer Mutter, die sich darüber echauffiert hatte, dass ihr Sohn wegen vergessener Hausaufgaben ermahnt wurde.

Fälle wie dieser machen sprachlos, sind aber schon lange keine Randphänomene mehr. Die Gewalt gegen Lehrer nimmt zu. Lehrer werden im Schulalltag regelmäßig beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt und belästigt. Und zwar von Schülern und Eltern, aber auch von Kollegen und Vorgesetzten.

Fast an jeder zweiten Schule in Deutschland gab es in den vergangenen fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt. An jeder fünften Schule wird auch über das Internet gemobbt. An jeder vierten Schule kommt es zu körperlicher Gewalt gegenüber Lehrkräften – am häufigsten an Grund- und Mittelschulen, doch alle Schularten sind betroffen.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle repräsentative bundesweite Forsa-Umfrage zum Thema „Gewalt gegen Lehrer“, die der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) gemeinsam mit dem Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) in Auftrag gegeben hat.

Fehlende Unterstützung

Für die Studie wurden insgesamt 1200 Schulleiter in Deutschland befragt, ob es an ihrer Schule Gewalt gegen Lehrkräfte gibt, welche Arten von Gewalt auftreten und ob sie die angegriffenen Lehrkräfte ausreichend unterstützen können. Schon im Jahr 2016 hatten VBE und BLLV eine Forsa-Studie zum gleichen Thema in Auftrag gegeben, damals aber rund 2000 Lehrer befragt, rund 500 kamen aus Bayern. Wie die Auswertung zeigte, kommen harte Fälle von körperlicher Gewalt eher selten vor, psychische und verbale Aggressionen dagegen sehr häufig. „Viele Kollegen fühlen sich allein gelassen“, sagt BLLV–Präsidentin Simone Fleischmann. Sie wünschen sich mehr Unterstützung und professionelle Maßnahmen zur Gewaltprävention.

Zoran Gojic, ein Sprecher des Kultusministeriums, sagt auf Anfrage dazu: „Jede Form von Gewalt gegenüber Lehrkräften verurteilen wir auf das Schärfste. Jeden einzelnen Vorfall nehmen wir sehr ernst. Als Dienstherr haben wir gegenüber unseren Lehrkräften eine Fürsorgepflicht, der wir aktiv und verantwortungsvoll nachkommen.“ Gewaltprävention sei fester Bestandteil des schulischen Alltags: Die Staatlichen Schulberatungsstellen sowie rund 1000 Schulpsychologen und etwa 2300 Beratungslehrkräfte an den Schulen unterstützten die Lehrkräfte bei der Bearbeitung von Problemen. Als Spezialisten für die Prävention als auch die Intervention bei Mobbingfällen stehen an den Schulberatungsstellen Koordinatoren gegen Mobbing zur Verfügung. Spezielle Ansprechpartner bei Gewalt gegen Lehrkräfte seien auch die 95 Mitglieder des Kriseninterventions- und -Bewältigungsteams bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (KIBBS).

„Echtes Tabuthema“

Doch das alles scheint nicht zu genügen: Fast ein Viertel der in der Forsa-Umfrage befragten Lehrer beklagt, dass sich Regierung und Ministerium eben nicht ausreichend um das Thema Gewalt gegen Lehrkräfte kümmern. „Es ist ein Tabu-Thema, das häufig heruntergespielt wird“, betont Fleischmann.  Eine Lösung des Problems sieht die BLLV-Präsidentin darin, den Schulen mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Pädagogen müssten in Gewaltprävention ausgebildet werden und Schulen bräuchten die Mittel, um externe Unterstützung anfordern zu können. „Es gibt einfach nicht genügend Schulsozialpädagogen an den bayerischen Schulen.“ Außerdem müsste die Vermittlung sozialer Kompetenzen im Lehrplan ebenso fest verankert werden, wie der Satz des Pythagoras.

Mehr Zeit

Auch Jürgen Böhm, Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbands (brlv) wünscht sich mehr Zeit, um auf Problemfälle reagieren zu können. Er fordert den Ausbau der Integrierten Lehrerreserve an den Realschulen. Dabei handelt es sich um ein Lehrerteam mit zusätzlichem Stundenkontingent, das einspringt, wenn eine andere Lehrkraft länger ausfällt. „Die Kollegen können allein nicht alle gesellschaftlichen Konflikte on top bewältigen“, sagt Böhm.

Indessen hat der Bayerische Beamtenbund gemeinsam mit dem Finanzministerium eine Initiative gestartet. Es geht um ein umfassendes Gewaltschutzprogramm für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, das auch für Lehrer gedacht ist. Ende des Jahres sollen erste Ergebnisse vorliegen.

VON MICHAELA ZIMMERMANN

Unser Archiv-Foto von Ingo Wagner (dpa) zeigt ein gestelltes Motiv zu einer Aktion, bei der Bremer Schüler freiwillig ihre Waffen abgeben.

 

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