Verwundert reibt sich Herta T. (Name von der Redaktion geändert) die Augen, als sie kürzlich einen Brief des Kultusministeriums aus ihrem Briefkasten zieht. Das fünfseitige Schreiben, das die pensionierte Lehrerin aus Nürnberg in Händen hält, ist nicht etwa ein Irrläufer, sondern eine Art Bettelbrief von Kultusminister Michael Piazolo (FW).
Sein Anliegen mitten in der Coronakrise: Die Seniorin möge doch ab Herbst dazu beitragen, die Unterrichtsversorgung an bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen zu sichern, also ab September zum Unterrichten an ihre alte oder eine andere Schule zurückkehren – mit flexiblen Einsatzmöglichkeiten und einem Arbeitsvertrag für Ruhestandsbeamte. Schließlich, so heißt es in dem ministeriellen Schreiben weiter, habe Herta T. sicherlich die Berichterstattung der letzten Wochen über die Personalsituation an den bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen mitverfolgt.
Die Quintessenz: Die Zahl der Lehramts-Bewerber reiche in Bayern in den kommenden Jahren nicht mehr aus, um die steigenden Lehrerbedarfe zu decken. „Sofern nicht gegengesteuert wird, fehlen an den genannten Schularten zum kommenden Schuljahr 2020/21 etwa 1400 Vollzeitkräfte“, erläutert Minister Piazolo.
„Ich bin 70 Jahre alt, gehöre damit zur Risikogruppe und soll für eine verfehlte Schulpolitik aktiviert werden, die aber mit keinem Wort in dem Schreiben erwähnt wird“, schreibt Herta T. an unsere Redaktion und ärgert sich vor allem über die „sehr heuchlerische Art und Weise“, mit der sie zur Mitarbeit motiviert werden soll. Sie sieht das Problem kritisch: Dabei, so die ehemalige Pädagogin, hätten die fehlenden 1400 Vollzeitkräfte nichts mit der aktuellen Corona-Pandemie zu tun.

Generationen geprägt

Tatsächlich wird in dem Schreiben an Herta T.s Zeit als aktive Lehrkraft erinnert, an ihr Engagement und auch daran, dass sie zahlreiche Schülergenerationen im besten Sinne mitgeprägt habe. Erwähnt wird ebenfalls, dass man im Freistaat anders als in anderen Bundesländern nicht im großen Stil auf pädagogisch ungeschulte Seiteneinsteiger setzen wolle, sondern vor allem auf „unsere hoch qualifizierten Lehrkräfte“.
Und, ergänzt Piazolo: „Jede Stunde, die von ,Rückkehrern` wie Ihnen gehalten wird, unterstützt aktive Kolleginnen und Kollegen und ist daher von großem Wert.“
Auf Nachfrage sagt Ministeriumssprecher Zoran Gojic, dass zur Sicherung der Unterrichtsversorgung eine Kombination aus verschiedenen dienstrechtlichen Maßnahmen und freiwilligen Beiträgen der Lehrkräfte umgesetzt würden, die sich „jeweils ergänzen und nicht gegenseitig ersetzen“. Und zu den „freiwilligen Beiträgen“ gehöre neben Teilzeitaufstockungen auch eine mögliche Rückkehr von Pensionisten in die Klassenzimmer.

Es gibt Interessenten

Wie viele derartige Schreiben an ehemalige Lehrer verschickt wurden, sagt das Kultusministerium nicht, nur so viel: Erste Rückmeldungen zeigten, dass es einige Lehrkräfte gebe, die an diesem freiwilligen Angebot Interesse haben. Allerdings, so Gojic, müsse ein möglicher Einsatz im Schuldienst „abhängig vom Infektionsgeschehen zum Beginn des Schuljahres 2020/21 selbstverständlich unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes erfolgen“.
Bis 10. Mai hat Herta T. nun Bedenkzeit. Sollte sie Interesse an einer Rückkehr haben, kann sie sich mit dem zuständigen Amt in Verbindung setzen und konkrete Einsatzmöglichkeiten und Modalitäten besprechen.
Auch wenn ein „Wiedereinstieg in den Schuldienst bisher höchstwahrscheinlich nicht zu den dringendsten Plänen für Ihren Ruhestand zählte“, schließt Minister Piazolo den Brief: „Bitte denken Sie über eine Rückkehr nach – Sie würden mit offenen Armen empfangen!“

Text: Kirsten Waltert, Foto: Kay Nietfeld/dpa

 

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