Redaktioneller Arbeitsalltag in Zeiten des Misstrauens:

Laut Umfragen hält ein Teil der Bürger „die“ Medien für einseitig und manipulierbar. Aber trifft dieser pauschale Vorwurf auch die Kollegen in unserer Redaktion? Eine Bestandsaufnahme in den eigenen Reihen und Köpfen.

Ob Tausende Pegida-Fans in Dresden oder 50 in Nürnberg: Wenn die „Wir sind keine Nazis!“-Fraktion mal wieder vor der Islamisierung des Abendlandes warnt durch Zuwanderer, die „zu viele Kinder“ produzieren und „unser Sozialsystem ausbeuten“, lässt mich das als türkischstämmigen Migranten kalt: Als kinderloser Single, der zu viel verdient, um Sozialleistungen zu beziehen, hat man zur angeblichen Islamisierung des Abendlandes eben nichts beizutragen, selbst wenn man wollte.
Wenn die Rechtspopulisten skandieren, „Lügenpresse, halt die Fresse!“ ist das zwar kein Grund, den Job an den Nagel zu hängen. Aber mit ihrem Misstrauen gegenüber Medien sind Pegida & Co. nicht allein. Einigen Umfragen zufolge ist das Vertrauen in „die“ Presse im Keller (siehe Infokasten unten). Die Top Drei der Vorwürfe laut NDR-Magazin „Zapp“: Jeder Dritte findet die Berichterstattung einseitig, fast jeder Fünfte ist der Ansicht, dass die Medien bewusst Fehlinformationen verbreiten und jeder Zehnte glaubt, dass die Berichterstattung von der Politik beeinflusst oder gar gesteuert wird.

Eine Vorstellung, die in Rathäusern ebenso für Heiterkeit sorgen dürfte wie in der Landeshauptstadt — angesichts dessen, wie kritisch die Nürnberger Nachrichten den Volksvertretern tagtäglich auf die Finger schauen – und nicht selten auf die Zehen steigen. Der Justizskandal Gustl Mollath, der ohne die hartnäckige Berichterstattung unserer Redaktion sicher viel weniger Aufmerksamkeit erregt hätte, ist nur ein Beispiel von vielen.

Wie die heutige NN-Redakteurin Alexandra Haderlein 2012 in ihrer Bachelorarbeit gezeigt hat, sind die Nürnberger Nachrichten gerade auf lokaler Ebene ein wichtiges Kritik- und Kontrollorgan. Die Debatten um Palm-Öl zum Beheizen der städtischen Bäder — und am Ende der Verzicht darauf — oder die Rettung der Rosenfelder-Villa sind nur zwei von mehreren untersuchten Fällen, bei denen Haderlein den maßgeblichen Beitrag des Stadtanzeigers und der NN-Lokalredaktion belegt hat: Ihr Fazit: „Sie sind ein wichtiger Indikator für die Stimmung in der Bevölkerung und fungieren als deren Fürsprecher, wenn diese selbst machtlos ist.“

Einmal im Jahr wird geflunkert

Besonders kurios nimmt sich der Verdacht bewusster Falschinformation aus. Wie sollte das funktionieren, gerade in einem regional ausgerichteten Medium? Und angesichts einer Vielzahl von Lesern vor Ort, die das nur allzu rasch entlarven und anprangern würden? Die Probe aufs Exempel macht die Redaktion freilich gerne – alljährlich zum 1. April.

Den oft sehr subjektiven Verdacht der Einseitigkeit und mangelnden Objektivität dagegen verwerfen wir nicht als „Aprilscherz“. Obwohl wir in der Redaktion zu gesellschaftlichen und politischen Themen durchaus unterschiedliche Ansichten haben, die wir – etwa in Form von „Pro & Contra“-Kommentaren — zeigen. Dabei ist die tägliche Reflexion selbstverständlich, ob wir die richtigen Themen in angemessener Häufigkeit und mit allen relevanten Facetten bieten. Frei nach dem Motto: „Selbstvertrauen ist gut, Selbstkontrolle besser“ beherrschen Fragen wie „Interessiert das die Leser?“, „Sollte man das noch mal aufgreifen?“ oder „Gibt es da einen Aspekt, der bisher zu kurz kam?“ jede Redaktionskonferenz.

Ein Blick zu Kurt Heidingsfelder scheint immerhin zu bestätigen, dass sich das auszahlt: Der NN-Leserbriefredakteur, der täglich bis zu 50 Zuschriften sowie E-Mails und Online-Kommentare auswertet, weiß, was den Leser bewegt, vom „Franken-Tatort“ bis zum Frankenschnellweg. Das Unwort „Lügenpresse“ hat ihm trotz reger Leserkontakte noch keiner um die Ohren gehauen. Der Vorwurf mangelnder Objektivität? Fehlanzeige. Vielleicht liegen wir mit unserer Themen-Auswahl ja doch nicht so verkehrt.

Was den einen oder anderen bisweilen an unserer Objektivität vielleicht dennoch zweifeln lässt, ist nicht das, was er bei uns liest, sondern was nicht: Etwa die Nationalität von Tatverdächtigen, die nach den Richtlinien des Deutschen Presserats nur bei einem inneren, direkten Bezug zur Tat Erwähnung finden darf. In den meisten sonstigen Fällen, in denen ein Thema nicht im Blatt auftaucht, liegt es schlicht und ergreifend daran, dass es bei uns noch nicht angekommen ist.
So wie die nächtliche Ruhestörung durch einige Besucher eines Moscheefests, über das wir berichteten. Ein Hinweis, dem wir – wie jeder relevanten Info – selbstverständlich nachgehen. Natürlich auch dann, wenn der Anrufer schon süffisant unkt: „Das hören Sie jetzt sicher gar nicht gerne?“ Wetten, dass doch?

Regionale Zeitungen schneiden am besten ab

Die Statistiken sind sehr unterschiedlich: Während einige Umfragen zeigen, dass viele „den“ Medien ganz pauschal nicht trauen, bestätigen andere der Presse eine hohe Glaubwürdigkeit. Bei einer Umfrage im Auftrag der Zeit gaben im Juni 60 Prozent an, kein oder nur wenig Vertrauen in die Medien zu haben. Laut einer Erhebung des NDR-Magazins „Zapp“ sind es gar 69 Prozent. Wobei da zu den „Medien“ das reißerische Boulevardblatt ebenso zählt wie seriöse Qualitätszeitungen.

TNS Infratest fand dagegen heraus, dass 47 Prozent den Printmedien „eher vertrauen“ und nur 45 Prozent „eher nicht“. Im Branchen-Vertrauensranking der Markenberater Sasserath & Munzinger landeten regionale Zeitungen 2014 auf Platz drei, hinter Verbraucherzentralen und Verbraucherschutzorganisationen. Insgesamt schneiden regionale Blätter wie die Nürnberger Nachrichten am besten ab: Laut einer Emnid-Umfrage von 2012 vertrauen ihnen 81 Prozent — also mehr alsder Frankfurter Allgemeinen (71 Prozent) und der Süddeutschen (68).

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