Das Coronavirus ist harmlos oder eine gefährliche Biowaffe, Bill Gates will die Menschheit zwangsimpfen und die 5G-Strahlung ist Schuld an den Todesfällen: Sind Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, dumm? Keineswegs, sagt Professor Dr. Claus-Christian Carbon. Der Wahrnehmungspsychologe forscht an der Universität Bamberg über Verschwörungstheorien und mahnt: Jeder kann dazu verleitet werden und Verschwörungstheorien müssen mitnichten gefährlich sein – sind es aber, manchmal. Carbon wird am Lehrermedientag 2020 des Verlags Nürnberger Presse, der am 18. November zum ersten Mal digital stattfinden wird, einen Vortrag über Verschwörungstheorien halten.

Univ.-Prof. Dr. Claus-Christian Carbon, Foto: Universität Bamberg

Warum sollte das Thema auch in der Schule angesprochen werden?

Prof. Claus-Christian Carbon: Weil Verschwörungstheorien Einzug in den Alltag unserer Welt genommen haben. Man muss verstehen, was sie bedeuten, wie man sie erkennt und wie man sich ihnen gegenüber positionieren soll. Dabei ist vor allem ein wacher und differenzierter Blick nötig, denn Verschwörungstheorien an sich müssen nicht problematisch sein, können sie aber.

Was heißt: Sie müssen nicht problematisch sein?

Prof. Claus-Christian Carbon: Das Wesen der Verschwörungstheorie ist nicht böse. Das Gefährliche ist, wenn die Geschichte, die darunter liegt, hetzerische oder menschenverachtende Qualitäten besitzt. Dass man der Idee einer alternativen Wahrheit positiv gegenübersteht, ist absolut opportun und gehört zu einer pluralistischen Gesellschaft. Verschwörungstheorien können sogar eine wichtige Aufgabe übernehmen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Prof. Claus-Christian Carbon: Zum Beispiel der Dieselskandal. Wenn ich Ihnen sage: Die Daten für den Abgasausstoß Ihres Wagens stimmen, dann glauben Sie es so lange, bis aufgedeckt wird, dass die Daten gefälscht sind. Wer das vor der Aufdeckung behauptet hätte, hätte gut und gerne als Verschwörungstheoretiker gelten können – letztendlich zeigte sich aber, jene Theorie hat sich als wahr herausgestellt. Die Wahrheit kennen wir immer erst im Nachhinein, wenn überhaupt. Das ist das Schwierige an dem Thema. Wir dürfen Menschen, die alternative Ideen entwickeln, nicht von vornherein verunglimpfen. Weil dahinter zumindest bei den Menschen, die ernsthaft besorgt sind, eine Motivation steckt, die ernst zu nehmen ist.

Wann wird es problematisch?

Prof. Claus-Christian Carbon: Problematisch sind diejenigen, die bewusst Unwahrheiten verbreiten und zum Beispiel behaupten, wir würden in einer Diktatur leben. Das sind äußerst zersetzende und gefährliche Elemente. Personen, die das rezipieren, sind sich vielleicht nicht bewusst, dass sie benutzt werden. Man darf ihnen nicht das Recht absprechen, zu zweifeln. Aber von einer Pauschalbehauptung auch mancher Politiker, dass das alles „Covidioten“ seien, halte ich nichts. So wie man prinzipiell einzelne Menschen nie generell aburteilen soll.

Was halten Sie vom Begriff Verschwörungstheoretiker?

Prof. Claus-Christian Carbon: DEN Verschwörungstheoretiker gibt es nicht. Der Begriff ist extrem verunglimpfend und abwertend. Ich muss erst einmal wertfrei analysieren, um welche Verschwörungstheorie es sich handelt. Denken Sie an Edward Snowden. Die ganze Geschichte begann als Verschwörungstheorie – und zum Schluss hat sie sich als wahre Theorie herausgestellt: Ja, die NSA hat auch deutsche Bürger ausspioniert – dass so etwas in dem Ausmaß möglich ist, haben wir uns nicht vorstellen können. Ich würde sagen, wir alle gehören in gewisser Weise zu Anhängern von Verschwörungstheorien, nur eben mehr oder weniger stark.

Also warnen Sie vor einer Polarisierung: Verschwörungstheoretiker gegen Nicht-Verschwörungstheoretiker?

Prof. Claus-Christian Carbon: Ja, denn solche Polarisierungen sind gefährlich. Nur wenn sich jemand konservativ äußert, ist er noch kein Nazi. Ob mir das gefällt oder nicht, was mein Gegenüber sagt, ist nicht das Entscheidende. Die Grüneren oder Liberaleren sind ja nicht per se die besseren Menschen. In einer Demokratie geht es darum, viele Meinungen zu tolerieren, um am Ende ein besseres System zu haben in dem sich viele Menschen repräsentiert und wohl fühlen. Ein echter Nazi gehört da natürlich nicht mehr rein, da er per definitionem ein radikaler Anti-Demokrat ist. Alle Seiten müssen sehr aufpassen bei dieser Debatte, die ja unfassbar emotionalisiert ist und teilweise im Bewusstsein geführt wird, jemanden falsch verstehen zu wollen.

Aus welchem Grund haben Verschwörungstheorien gerade Hochkonjunktur?

Prof. Claus-Christian Carbon: Verschwörungstheorien gibt es seit Anbeginn menschlicher Zivilisation. Vor allem aber in Zeiten von Verunsicherung und Bedrohung werden sie noch stärker nachgefragt, da sie konkrete Erklärungen abgeben, oft eindeutige Ursachen ausfindig machen und spezifische Schuldige benennen. Das können offizielle Versionen und wissenschaftliche abgesicherte Theorien oft nicht liefern, schlechter sind sie deswegen aber freilich nicht.

 

Wie können wir Menschen, die wir gerne vereinfachen und in Schubladen denken, differenziertes Denken zulassen?

Prof. Claus-Christian Carbon: Man sieht Kinder und merkt, dass viele Dinge noch nicht von Anfang an kategorisch gefasst sind. Das Kind kommt nicht vom Kindergarten nach Hause und erzählt: „Der schwarze Junge hat ein tolles Fahrrad.“ Sondern: „Der Philipp hat ein tolles Fahrrad.“ Kategorien sollen hilfreich sein. Wenn sie das nicht sind, sind sie sinnlos. Wenn ich den asiatisch aussehenden Menschen frage: „Wo kommst du her?“ und er antwortet „Aus Castrop-Rauxel“, dann macht die Kategorie „Chinese“ keinen Sinn. So ist es auch bei der Kategorie „Verschwörungstheoretiker“. Es hört sich an, als wäre er ein Protestant, Katholik oder Moslem. Aber so einfach ist es nicht. Ich kann auch aus Ihnen einen Verschwörungstheoretiker machen.

Wie bitte?

Prof. Claus-Christian Carbon: Das haben wir tatsächlich experimentell nachgewiesen. Das passiert, indem wir Sie immer wieder mit relativ absurden Informationen versorgen – selbst wenn Sie sagen: „Die glaube ich nicht!“, das ist egal. Wenn immer wieder absurde, als Fakten bezeichnete Dinge betont werden, dann passiert was mit uns. Das sieht man zum Beispiel in Amerika, aber auch bei uns. Wir verändern unsere Sprech- und Denkweise -schleichend.

Können Sie ein Beispiel schildern?

Prof. Claus-Christian Carbon: Wir haben in unserer Forschung solche kruden Thesen wie die von Thilo Sarrazin vermischt mit etablierten und nur leicht absurden Thesen und konnten zeigen: Sobald du diese massiv absurden Sachen in die Gedankenwelt integrierst, verändert sich die eigene Realität. Du akzeptierst plötzlich die milderen absurden Argumente sehr viel besser. Das bedeutet: Am Ende lässt du dich von Leuten wie Trump beeinflussen.

Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die an Verschwörungstheorien glauben?

Prof. Claus-Christian Carbon: Bei Menschen, die einen gleich beleidigen oder mit Hass begegnen, macht eine Diskussion keinen Sinn. Bei den anderen muss ich mir klar machen: Ich werde in keinem einzigen Gespräch jemanden direkt umstimmen können. Das wäre naiv und anmaßend, weil ich dann davon ausgehe, der bessere Mensch zu sein.

Aber wie mit Menschen reden, deren Einstellung ich nicht nachvollziehen kann?

Prof. Claus-Christian Carbon: Wir machen auch Forschung zu Impfgegnern. Dahinter steckt ebenfalls zum Teil eine Verschwörungstheorie. Ungeachtet meiner persönlichen Einstellung trete ich als wertneutraler Forscher auf und will herausfinden, woran es liegt, dass Menschen diese Meinung vertreten. Meine Fakten formuliere ich auf eine nüchterne Weise, zeige aber gleichzeitig Empathie, indem ich zum Beispiel sage: „Ich verstehe eure Sorge.“ Die Sorge ist: Es geht um ihre Kinder, und das ist eine gemeinsame Basis. Wir haben ähnliche Motive, aber jeder kommt zu anderen Schlüssen. Wenn Sie von Anfang an sagen: „Es ist falsch, was du sagst!“, wird es nie zu einem Austausch kommen. Das ist eine ganz einfache Kommunikationsstrategie. Diese Strategie gilt auch für Leute, die plötzlich extreme Parteien wählen. Hier wäre wieder Ansatz, nach gemeinsamen Zielen zu suchen und davon zu sprechen – wie man diese Ziele dann erreicht ist eine andere Sache, und darüber kann man sprechen.

Ihr Schlusswort:

Prof. Claus-Christian Carbon: Wir müssen versuchen, problematische Ursachen zu beheben. Eine Ursache für Verschwörungstheorie-Glaube könnte sein: Frustration oder Verunsicherung. Die Leute haben zum Beispiel ihren Arbeitsplatz verloren. Und suchen irgendeinen Schuldigen. Es ist eben in der Psychologie des Menschen so verankert: Wir versuchen immer, eine Erklärung zu finden. Lassen Sie uns die richtigen Erklärungen finden und die richtigen Lösungen entwickeln.

Info: Lehrkräfte können sich über die Fortbildungs-Datenbank FIBS für den Lehrermedientag des VNP anmelden.

Das Aufmacher Foto zeigt eine Corona-Demo an der Meistersingerhalle in Nürnberg. Foto: Michael Matejka

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