Medien brauchen Kritik, die begründet sein muss

Wahrscheinlich spornt die Wahl zum „Unwort des Jahres“ manche derer, die es in Dresden skandieren, sogar an: Dass Sprachwissenschaftler nun den Gebrauch des historisch belasteten Schmäh-Begriffs „Lügenpresse“ kürten, dürfte sie eher bestätigen in ihren Vorwürfen ans angebliche „System“, das sie am Werk sehen — „die Politiker“ und „die Medien“ hätten sich gegen „das Volk“ verschworen, so lautet ihre steile These.

Der Vorwurf ist allein durch die Lektüre der höchst unterschiedlichen Medien, die sich auch gegenseitig kontrollieren und kritisieren, zu widerlegen. Unser Blatt etwa geht mit der oft gelobten Kanzlerin hart um; dass die ruhigstellende Art der (Nicht-)Politik Merkels eine der Ursachen des gärenden Unmuts ist, wird hier kritisiert. Aber wenn sie dann mal klar Stellung bezieht wie nun gegen Stimmungsmache beim „Pegida“-Protest, erntet sie dafür Zustimmung.

Natürlich brauchen Medien kritische Begleitung. Unbedingt. Sie kann unsere Arbeit nur verbessern. Wir freuen uns über begründete Kritik, die hart ausfallen darf — wer austeilt wie wir in Kommentaren (manchmal, in der Hektik des Tagesgeschäfts, auch übereilt), der muss auch einstecken können. Und natürlich sind Medien nie völlig fehlerfrei: Da arbeiten Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, nach bestem Wissen und Gewissen: Nichts ist für den Autor selbst ärgerlicher als ein Text mit Fehlern.

Schneisen in den Dschungel

Was ist unsere Aufgabe? Zum einen die tagtägliche (oder, online, laufend aktualisierte) Orientierung darüber, was für die Menschen im Großraum Nürnberg an Wichtigem passiert ist oder passieren wird. Dazu müssen wir aus einer immer größeren Nachrichten-Flut auswählen und gewichten. Das tun Mitarbeiter, die genau dies während ihrer Ausbildung gelernt und ihre Fachgebiete im Blick haben. Schneisen in den Dschungel an Nachrichten zu schlagen: Das ist ein Schwerpunkt.

Aber auch das „Dolmetschen“, Übersetzen und Vermitteln zwischen den immer spezialisierteren Fachbereichen in der Arbeitswelt oder Wissenschaft: Wir wollen verständlich machen, was Experten in ihrer Fachsprache nicht immer lesernah übermitteln können. Dazu kommt das Einordnen und Gewichten — durch Meinungsbeiträge und Kommentare, die naturgemäß nicht objektiv sein können, sondern zur Debatte, zur Kontroverse beitragen sollen: Man darf und soll solchen Beiträgen widersprechen — im Idealfall mit besseren Argumenten.

Anonyme Pauschal-Schelte

Es ist ein neueres Phänomen, dass manche genau diese Auseinandersetzung scheuen und stattdessen zur Pauschal-Schelte greifen, meistens anonym und in den Internet-Foren genau jener Medien, die sie zugleich als „Lügenpresse“ beschimpfen. Diese Dialog-Verweigerung macht ratlos, weil sie ein abgrundtiefes Misstrauen in unsere Demokratie insgesamt zeigt — die aber doch vom Engagement und auch von der Streitlust ihrer Bürger lebt.

Wie unterschiedlich die als „Mainstream-Medien“ attackierten Zeitungen agieren, zeigt sich auch beim Umgang mit den Karikaturen von Charlie Hebdo: Etliche Blätter druckten viele dieser Zeichnungen, die gezielt religiöse Gefühle verletzen — sie berufen sich auf die Freiheit von Kunst, Satire und Presse. Unsere Zeitung ist da zurückhaltender, um gläubige Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. Das (eher versöhnliche) Titelblatt der neuen Ausgabe des Magazins drucken wir als Dokument der Zeitgeschichte ab — es erinnert an jenes Redaktionsteam, das sterben musste, weil hasserfüllte Fanatiker genau jene Freiheit der offenen Gesellschaft nicht ertragen wollten.

Diese Freiheit wollen, müssen wir im Auge behalten und verteidigen. Und wir brauchen dafür Sie: kritische Leserinnen und Leser. Lassen Sie uns einordnen, debattieren und auch streiten darüber, was, warum und wie läuft um uns herum.

Autor: Alexander Jungkunz

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