Der Pressekodex ist eine Sammlung journalistisch-ethischer Grundregeln, die der Deutsche Presserat im Jahr 1973 vorgelegt hat. Verleger und Redakteure wie Journalisten haben den publizistischen Grundsätzen, die darin formuliert werden, durch ihre Verbände zugestimmt. Der Pressekodex hat somit den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

Der Pressekodex dient dem Deutschen Presserat als Grundlage für die Beurteilung der von Lesern eingereichten Beschwerden. Er enthält 16 Ziffern, die Maßstäbe hinsichtlich der Berichterstattung und des journalistischen Verhaltens festlegen. Mit ihnen wird die Wahrung der Berufsethik  sichergestellt. Ergänzende Richtlinien bieten darüber hinaus praktische Hilfen, um in der redaktionellen Praxis auftretende Fragen zu beurteilen.

Hier kann man die publizistischen Grundsätze nachlesen.


Folgendes Interview erschien am 4. September 2015 in den Nürnberger Nachrichten:

Heftige Debatte: Darf man ein totes Flüchtlingskind in Nahaufnahme zeigen?

Die Füße stecken in blauen Schuhen, die blaue Hose reicht bis unter die Knie, das rote T-Shirt ist am Bauch hochgerutscht: Der kleine Flüchtlingsjunge Aylan aus Syrien liegt tot mit dem Gesicht nach unten in der Brandung des Meeres. Ein Bild, das um die Welt geht und heftige Debatten über die Wirkung von Fotos auslöst.

Was bewirkt ein solches Bild?
„So ein Bild trifft direkt ins Herz und in unsere Psyche“, sagt der Psychologe Michael Thiel. „Das sagt viel mehr über das Elend von Flüchtlingen aus als jedes Gefasel von Politikern und anderen Leuten. Es macht deutlich: Es sind nicht nur irgendwelche abstrakten Flüchtlingskrisen. Das lässt keinen Menschen kalt.“

Was löst es im Betrachter aus?
„Wir Menschen sind in der Regel dazu fähig, mit so einem Bild eine Szenerie im Kopf entstehen zu lassen“, sagt Thiel. Spiegelneuronen im Gehirn seien in der Lage, beim Anblick einer solchen Szene ein ganzes „Gefühlskaleidoskop“ auszulösen. „Eine Mischung aus Trauer, aus Wut, aus Bestürzung, aus all diesen Gefühlen, die mit der Flüchtlingskrise verbunden sind. Und wahrscheinlich überlegt jeder: Was ist dem vorangegangen?“

Was sagen Ethik-Experten?
MedienethikerAlexander Filipovic würde das Foto nicht veröffentlichen. Viele Menschen überfordere es, dieses anzuschauen. „Den Leuten dieses Bild in der Zeitung zu präsentieren, wo man nicht wegschauen kann, das finde ich zu viel.“ Das Bild zeige eine „Dimension von Unmenschlichkeit“.Er räumt aber auch ein, dass es gute Gründe für eine Veröffentlichung gibt. „Es wäre mir zu schnell gesagt, dass man es aus ethischer Perspektive auf keinen Fall bringen könne.“

Gibt es Kritik?
Anlaufstelle für Kritiker war auch der Deutsche Presserat. „Zehn Beschwerden sind eingegangen. Und wir erwarten noch mehr“, sagte die Pressesprecherin des Selbstkontrollorgans der Printmedien, Edda Eick. Im Kern geht es um drei Ziffern des Pressekodex. Die Ziffer 1 betrifft Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde. Ziffer 11 behandelt Sensationsberichterstattung („Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“). Der Schutz der Persönlichkeit (Ziffer 8) würde miteinbezogen, wenn möglicherweise die Person zu erkennen ist.

Warum war der Protest beim Foto der 71 toten Flüchtlinge im Lkw stärker?
„Das Bild aus dem Lkw erzeugt ein Grauen beim Anschauen.Und ich glaube, dieses Grauen kann kaum produktiv in dem Sinne werden, dass es Menschen bewegt, sich mehr für Flüchtlinge oder eine gerechtere und friedvollere Politik einzusetzen“, sagt Ethiker Filipovic. „Ich glaube, das erzeugt ein Sich-abwenden, das motiviert zum Wegschauen.Das Bild des Jungen ist auch in gewisser Weise unzumutbar, weil es so dermaßen traurig ist. Allerdings ist es eine ganz andere Stimmung, die dieses Bild vermittelt. Und ich glaube, eine sehr tiefe Traurigkeit kann in einem Menschen etwas bewegen.“ Filipovic selbst würde aber keines der Bilder zeigen.

Das Foto der neunjährigen Vietnamesin Kim Phúc, die nackt vor Napalm flieht, wurde Symbol für den Vietnamkrieg. Wird auch das Bild vom Flüchtlingskind Geschichte?
Fotografie-Professor Rolf Nobel zögert. Zwar stehe die Szene für die „grausige Entwicklung“ in Syrien. „Was die Foto-Ikonen aber auszeichnet, ist — in dem Zusammenhang mag man es kaum sagen — eine gestalterische Kraft. Und das weiß ich eben nicht: Ob die inhaltliche Komponente ausreichen wird, dieses Bild ins ewige visuelle Gedächtnis der Menschheit zu rücken, wie das beim Che-Guevara-Bild oder beim Mädchen aus Vietnam der Fall ist.“

INTERVIEW: CHRISTOF BOCK UND DAVID RIMA (beide dpa)

 

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