Im Internet fehlt ein Rückzugsraum.

Jeder Jugendliche kennt Mobbing, ob als Täter, Opfer oder Zuschauer. Cybermobbing trägt die Konflikte über die Schule hinaus ins Internet. Dort fehlt den Opfern der Rückzugsraum. Doch es gibt gute Hilfe.

Ihre Namen sind Holy Grogan, Lea oder Amanda Todd. Sie alle wurden Opfer von Cybermobbing. Fälle wie ihre erregen immer wieder große Aufmerksamkeit – und Anteilnahme. Denn in den dramatischsten Fällen wissen die Betroffenen keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. Wie Amanda Todd. Das Beispiel der 15-Jährigen zeigt: Ein kleiner Fehler kann ein ganzes Leben zerstören. Es beginnt mit Tuscheleien auf dem Schulhof und führt zu Beleidigungen von Wildfremden. Der Kanadierin half auch kein Schulwechsel: Nachdem sie ihre Geschichte in einem bewegenden Video mit der ganzen Welt geteilt hatte, nahm sie sich im Oktober 2012 das Leben.

Dabei ist Mobbing weder ein Jugendphänomen noch eine neue Erscheinung. Der Begriff in seiner heutigen Form wurde geprägt Ende der 70er Jahre. Ursprünglich wurde damit andauernder Psychoterror am Arbeitsplatz umschrieben. „Deswegen benutzt man in der Fachsprache vor allem den Begriff „Bullying“ für Mobbing unter Schülern“, erklärt Prof. Dr. Christina Zitzmann von der Technischen Hochschule Nürnberg. Die Sozialwissenschaftlerin arbeitete viele Jahre an Schulen, um die Schüler für das Thema zu sensibilisieren. Gäbe es eine feste Definition, sie würde sie kennen. Doch die gibt es nicht, weder für Mobbing, geschweige denn für Cybermobbing. Es gibt ein paar Eckpunkte, an denen man sich aber allgemein orientieren kann: Mobbing ist, wenn immer die gleiche Person langfristig und regelmäßig schikaniert und gequält wird.

Die Konflikte kommen aus der realen Welt“
Prof. Zitzmann sieht vor allem drei Unterschiede zwischen Cyber- und „klassischem“ Mobbing: „Zum einen fehlt der Rückzugsraum wie die Familie oder der Sportverein; Cybermobbing ist endlos. Dann erreicht Cybermobbing eine Öffentlichkeit, die es klassischer Weise auch nicht gibt. Das letzte Merkmal ist die Anonymität der Täter.“ Deswegen sind Cyber- und klassisches Mobbing für sie auch eng verknüpft: „Für mich persönlich ist es einfach eine besondere Form von Mobbing.“

Klaus Lutz ist pädagogischer Leiter vom Medienzentrum Parabol in Nürnberg. Er geht noch einen Schritt weiter: „Cybermobbing gibt es nicht. Die Lebenswelten Schule und Internet sind mittlerweile so sehr verschränkt, dass die Schüler da keinen Unterschied mehr machen.“ Der Begriff Cybermobbing würde andeuten, dass sich die Schüler in der Schule anders verhalten. Doch das tun sie nicht. „Die Konflikte kommen aus der realen Welt“, erklärt Lutz. Auch deswegen beobachtet er, dass die Zahl der Konflikte nicht unbedingt zugenommen hat. Auch Prof. Zitzmann ist sich sicher: „Täter nutzen das Internet einfach als zusätzliche ‚Spielwiese‘.“

Hilfe bei Vertrauenspersonen suchen
Deshalb müsse man sich bei Cybermobbing nicht nur um das kümmern, was im Netz passiert, sondern um den Konflikt an sich. Sowohl Prof. Zitzmann als auch Lutz von Parabol heben die Bedeutung von Prävention hervor. Die Schüler müssten sich zwei Dinge bewusst machen: Wie würde ich mich als Opfer fühlen? Und: Wie verhalte ich mich im Netz? Welche Daten gebe ich preis, wem schicke ich welches Bild? Ist ein Konflikt erst eskaliert, kann das Opfer nur Hilfe bei Außenstehenden suchen, bestenfalls erwachsene Vertrauenspersonen.

Das können auch Unbeteiligte tun. Sie machen auch die größte Gruppe aus. Denn allgemein geht man davon aus, dass es pro Klasse je ein bis zwei Opfer und Täter gibt. Das heißt etwa 80 Prozent einer Klasse sind nicht direkt vom Konflikt betroffen, können ihn aber stoppen. Prof. Zitzmann rät von einer direkten Konfrontation des Täters ab: „Das sollte nur jemand versuchen, der auch einen Draht zu ihm hat.“ Lutz ergänzt: „Wirklich einmischen sollten sich immer nur Leute, die auch wissen, worum es geht.“ Seiner Meinung nach bringt auch eine beliebte Reaktion von Eltern und Lehrern absolut nichts, nämlich zuerst auf das Opfer zu zeigen und zu sagen: „Bist du bekloppt? Wie konntest du nur so ein Foto rumschicken?“ Denn sich zu öffnen, ist der schwerste aller Schritte. Und dann brauchen Opfer vor allem eines: Hilfe und Unterstützung.

Im Internet gibt es viele Hilfen und Tipps zum Thema. Wir haben einige Links zusammengestellt:
Zehn Tipps für sicheres Surfen
Medienzentrum Parabol in Nürnberg
Schüler gegen Mobbing
Netzwerk gegen Mobbing
Schüler-Mobbing Portal
Polizeiberatung im Nürnberger Zeughaus
EU-Initiative klicksafe.de

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