Niemand kann behaupten, dass Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi keine Ahnung von Viren hätten. Wodarg hat Medizin studiert, Bhakdi ist emeritierter Professor für Mikrobiologie. Das macht sie für viele zu glaubwürdigen Instanzen in der Corona-Krise. Auf Youtube und Facebook erreichen ihre Videos Millionen Menschen – und das, obwohl diese mit Wissenschaft nichts zu tun haben.

Wodarg und Bhakdi sind zwei von Dutzenden angeblichen Experten, die derzeit als Corona-Meinungsmacher auftreten. Sie kritisieren die Maßnahmen der Bundesregierung, warnen vor angeblicher Panikmache und sprechen von Hysterie. Die Recherche-Organisation Correctiv und Medien wie das ZDF, die Welt, der Spiegel und der Bayerische Rundfunk haben die Behauptungen geprüft. Das Ergebnis: Was Wodarg und Bhakdi sagen, ist nicht völlig falsch, jedoch vermischen sie Fakten mit Spekulation und Desinformation.

Mit Erfolg: Ein Millionenpublikum hört und sieht zu – und das, obwohl soziale Netzwerke versuchen, Lügen zu Covid-19 einzudämmen. Wie viele Menschen sich desinformieren lassen, zeigt eine Analyse, die Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR vorliegt. Der Datenanalyst Philip Kreißel hat Videos und Artikel erfasst, die von professionellen Faktenprüfern als irreführend oder falsch gekennzeichnet wurden, und untersucht, wie sie sich in sozialen Netzwerken verbreiten. Demnach wurden allein 18 Videos, die Fehlinformationen über das Coronavirus enthalten, bis zum Freitag mehr als zwölf Millionen Mal auf der Videoplattform Youtube angesehen.

Und der Unsinn bleibt nicht im Netz: In Großbritannien wurden in den vergangenen Tagen mehr als 20 Mobilfunkmasten beschädigt, nachdem Verschwörungstheoretiker behauptet hatten, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard 5 G und Covid-19. Auch weniger offensichtliche Falschnachrichten sind gefährlich: Wer die Gefahr des Coronavirus verharmlost, löst Verunsicherung aus – die dazu führen kann, dass Menschen etwa Abstandsregeln ignorieren. In der aktuellen Situation kann das Leben kosten.

12 Millionen Mal wurden allein 18 Videos mit falschen Behauptungen über das Coronavirus auf Youtube angeschaut, ergibt eine Datenanalyse

Einer der zentralen Verbreitungskanäle ist Youtube. „Wir haben klare Richtlinien gegen Fehlinformationen im Zusammenhang mit Covid-19“, sagt ein Youtube-Sprecher auf Anfrage. „Wir haben bereits Tausende von Videos überprüft und entfernt, die irreführende oder gefährliche Inhalte zum Coronavirus verbreitet haben.“ Die Einschätzung, ob ein Video oder Artikel falsche Darstellungen transportiert, liefern professionelle Faktenprüfer. Bei Correctiv und der Deutschen Presseagentur gibt es spezialisierte Redaktionen, die ausschließlich solche Faktenchecks publizieren. Dafür erhalten sie mitunter Geld von Facebook: Das Unternehmen unterstützt weltweit Medienpartner, damit diese Beiträge überprüfen, die auf der Plattform geteilt werden. Facebook blendet dann Hinweise ein und reduziert die Reichweite von irreführenden Beiträgen.

Till Eckert ist einer der Redakteure, die für Correctiv Fakten prüfen. „Was auf Facebook kursiert, entgeht uns nicht“, sagt er. Viele Nachrichten meldeten die Nutzer zur Überprüfung. Weitere erkenne Facebook automatisch und lege sie den Faktenprüfern vor. Auf Youtube falle dies schwerer. Die Plattform stellt den Faktenprüfern keine Liste zu Verfügung, wie Facebook das tut. Sie müssen sich selbst durch den Dschungel der Halbwahrheiten kämpfen und Videos wie die von Wodarg oder Bhakdi aufspüren. „Derzeit melden sich vermehrt vermeintliche Experten auf Youtube, aus völlig fachfremden Bereichen“, sagt Eckert. Das Problem: Meinungen würden mit Fakten, Spekulationen und verschwörungstheoretischen Elementen vermischt. „Die Beiträge säen Zweifel, sind aber schwer zu überprüfen.“ Deswegen werden sie von den Plattformen auch nicht einfach gelöscht.

Eine aktuelle Studie des Reuters-Instituts für Journalismusforschung an der Universität Oxford bestätigt diesen Befund. 59 Prozent der untersuchten Falschnachrichten waren nicht frei erfunden. Sie enthielten durchaus zutreffende Fakten, die aber in falsche Zusammenhänge gebracht wurden. In vielen Fällen verbreiten Politiker und Prominente die Desinformation weiter. In den Beispielen der Reuters-Studie waren sie nur in jedem fünften Fall die Quelle, ihre Postings generierten aber mehr als zwei Drittel der Interaktionen in sozialen Medien.

Die Analyse von Philip Kreißel unterstreicht diese Scharnierfunktion. Auf Twitter sind es Personen wie Hans-Georg Maaßen, die als falsch entlarvte Nachrichten teilen und sie damit einem größeren Publikum zugänglich machen. Der ehemalige Verfassungsschutz-Chef hat sich zu einem wichtigen Influencer in rechts-konservativen Kreisen entwickelt.

Die Algorithmen von Youtube und Facebook spielen in diesen Zirkeln keine große Rolle mehr, in Messenger-Diensten wie Telegram werden Links verbreitet, die anderswo hochgeladen wurden. Löscht Youtube ein Video, gilt das als Beleg für die Glaubwürdigkeit. Auch Faktenchecks helfen nur eingeschränkt, wie die Auswertung von Kreißel zeigt: 45 Links mit Falschmeldungen haben auf Facebookfast eine halbe Million Likes und Kommentare ausgelöst. Mit den entsprechenden Faktenchecks interagierten Nutzer im selben Zeitraum nur 28 000 Mal. Die Desinformation erzeugt also 16-mal mehr Reaktionen als die Korrektur.

Text:  Simon Hurtz und Hannes Munzinger, Foto: Foto: Kay Nietfeld/dpa

Dieser Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2020 wurde uns freundlicher Weise über den Bildungsausschuss des VBZV zur Verfügung gestellt.

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