Masken tragen die Schüler nicht. Abstandsregeln werden auch nicht eingehalten. Warum auch? Die Jungen und Mädchen lernen und begegnen sich ausschließlich digital. Schon seit Ende März werden sie in Französisch, Mathe oder Geschichte via Bildschirm unterrichtet. Sogar der Sportlehrer ist online mit seinen Schülern verbunden und turnt die Übungen vor. Das Jenaplan-Gymnasium Nürnberg hatte nur eine Woche geschlossen. Diese sieben Tage nutzten Lehrer und Schüler, um ein Online-Konzept zu erstellen. Der Impuls kam von zwei IT-affinen Schülern. Ein virtuelles Klassenzimmer sei kein Problem, versicherten sie Vorstand Bernd Beisse. Der trommelte flugs ein Team zusammen. „Wir hatten anfangs nichts, wie alle anderen Schulen sicher auch“, erinnert er sich, „und haben einfach gemacht“. 50 Laptops wurden an diejenigen verteilt, die kein geeignetes Gerät zu Hause hatten. Experten luden auf jeden Rechner ein Programm von Microsoft, das momentan kostenlos verfügbar ist.

Der gesamte Unterricht findet seitdem über „Teams“ statt. Reibungslos, wie Beisse stolz erzählt. „Wir haben Mut gehabt und wurden belohnt.“ Sicher habe es eine private Schule mit 150 Gymnasiasten einfacher als eine Regelschule mit 1000 Schülern, sagt er.
Auf eine monatelange Schließung waren Lehrkräfte nicht vorbereitet. Sie verschicken zwar Arbeitsblätter an die privaten Mail-Accounts der Schüler oder deren Eltern. Aber beim Lernen zu Hause fühlen sich viele alleingelassen. Die Krise könnte nun eine Chance sein, die digitale Aufholjagd anzupacken.
Das Jenaplan-Gymnasium ist auf dem besten Wege, dabei die Nase vorn zu haben. Die Schüler pauken ihren Stoff jeden Tag von 9 bis 16 Uhr im virtuellen Klassenzimmer. Geändert hat sich nur das Umfeld, der Lehrplan blieb gleich. „Wir wollten den Schülern Struktur geben und Eltern entlasten“, sagt Beisse. Er möchte sich selbst nicht auf die Schultern klopfen. „Wir wollen Ansprechpartner für andere Schulen sein und mit Rat zur Seite stehen.“ Anfragen anderer Schulen gebe es bereits.

Kritik an der Software großer US-Anbietern gibt es allerdings auch. Tobias Gerlinger, Chef beim Nürnberger Unternehmen „ownCloud“, ärgert sich, dass Kalkül dahinterstecke: Abkassiert werde später, wenn sich die neuen Nutzer an die Software gewöhnt und dort ihre Dateien gespeichert haben. Das könne richtig teuer werden. Alternativen gebe es genug, sagt er und verweist auf Hosting-Konzepte. Die geraten derzeit zunehmend in den Fokus, wenn es um die Schulen und ihre Online-Lehrangebote geht. Zudem will der Bund Kindern, die keine Laptops oder Tablets besitzen, helfen. Aktuell stehen insgesamt 500 Millionen Euro für den Heimunterricht während der Corona-Krise zur Verfügung.

Die aktuelle Software-Lösung am Jenaplan-Gymnasium wurde lange diskutiert. Leicht habe man es sich nicht gemacht und Alternativen geprüft, so Beisse. Jonathan Durlesser besucht die zehnte Klasse des Jenaplan-Gymnasiums und war einer der Schüler, die ihr Wissen gleich zu Beginn der Krise mit eingebracht haben. „Wir haben überlegt, ob alle Lehrer mit dem System gut arbeiten können.“ Die Schüler seien sofort mit der Technik klargekommen. Nach marginalen Anlaufschwierigkeiten klappte es und heute sind er und die anderen froh, weiter gemeinsam lernen und ein wenig Normalität leben zu können. Auch wenn das virtuelle Klassenzimmer kein Dauerzustand ist.

Dass auch kleine Kinder digital lernen können und wollen, beweisen die Englischschüler von Martina Schäfer. Die 52-Jährige ist solo-selbstständig mit ihrer Schule „the little language company“. Von heute auf morgen brach die Basis ihres Geschäftsmodells weg, denn Schäfer besucht normalerweise Kindergärten und Grundschulen. Kreativität war gefragt. Anfangs drehte sie täglich kurze Videos und verschickte sie über WhatsApp. Die Resonanz sei überwältigend gewesen, erinnert sie sich. Sie machte weiter. Dennoch störte sie die „Kontaktlosigkeit“. Sie erarbeitete ein neues Lernkonzept. „Ich wollte den Kindern wieder näherkommen, sie sehen und hören und nicht eine eindimensionale Sprachwelt aufrechterhalten, in der mich die Kinder nur per Video sehen.“ Schäfer war es wichtig, ein Gemeinschaftsgefühl heraufzubeschwören.

Nun unterrichtet sie täglich über eine Online-Plattform. „Wir spielen zusammen englische Spiele, singen und ich lese englische Bücher vor“, zählt sie auf. „Das Tollste daran: Die Kinder können sich nach so langer Zeit endlich sehen.“ Und das sei beim ersten Mal besonders emotional gewesen, sagt Schäfer. Die Kinder saßen gebannt vor den Bildschirmen und sahen nach Wochen wieder ihre Mitschüler. Der Wackelzahn oder das neue Spielzeug wurden aufgeregt in die Kamera gehalten und pausenlos durcheinandergeredet, bevor der Englisch-Unterricht schließlich starten konnte.

Text und Foto: Melanie Kunze

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