Die Digitalisierung an Schulen ist nicht nur Thema für Schulleiter und Lehrer. Auch Schüler machen sich dazu Gedanken – zum Beispiel im Zeitungsprojekt an der staatlichen Berufsoberschule, in dem diese Reportage entstanden ist.

Es ist Montag, die Schule beginnt – und mit ihr der Stress des Alltags. Erst mal das Smartphone zücken, den Onlinestundenplan öffnen und nachsehen, wann die Schule beginnt und welche Fächer für heute angesagt sind. Hoffentlich ist er schon aktualisiert, sonst muss ich wieder die Klassengruppe volltexten. Mist, schon wieder Vertretung, oder kann es doch sein, dass die letzte Stunde entfällt? „Was bedeutet noch mal die Farbe Lila?“ Schon kommen die ersten Fragen der Klassenkameraden in der WhatsApp-Gruppe. Ich habe dafür jetzt keine Zeit und mache mich planlos auf den Schulweg.

PC mag nicht wie der Lehrer

Während ich darauf warte, dass das Klassenzimmer aufgesperrt wird, scrolle ich sinnlos durch die Storys meiner sogenannten Freunde auf Instagram. Dabei lasse ich mich mit Deutschrap über meine Kopfhörer beschallen. Im Zimmer öffne ich die Fenster und fahre Computer, Dokumentenkamera, Beamer und Bildschirm hoch. Sonst beschweren sich die Lehrer wieder über den Zeitverlust. Dabei müssen sie sich bei der Anwesenheitskontrolle auch wieder Zeit nehmen, um sich bei unserem Onlinestundenplan anzumelden, die Namen der anwesenden Schüler zu kontrollieren sowie Absenzen einzutragen. Was das Zeit kostet.

Langsam trudelt der Rest der Klasse ein. Kurz vor acht: Der Lehrer betritt die Klasse und erklärt uns sein Programm. Er wird dann aber durch Fragen, was die Farbe Lila im Stundenplan bedeutet, ob die letzte Stunde entfällt, und durch verspätete Schüler, die er online als anwesend markieren muss, aufgehalten. Nach einer Viertelstunde können wir mit dem Unterricht anfangen.

Unser Lehrer beginnt damit, eine Präsentation über Stochastik zu öffnen, doch der PC möchte nicht so wie er. In der Zwischenzeit werden die Schüler unruhig, beginnen sich zu unterhalten und starren aus Langeweile in ihre Smartphones. Fünf Minuten später schafft es der Lehrer, die Präsentation zu öffnen – endlich mal eine Alternative zur alten, schmutzigen Tafel!

Und das Gute daran ist, wir müssen nicht mehr selbst mitschreiben, denn der Lehrer kann uns den Stoff auf unseren E-Mail-Account schicken, so dass wir es zu Hause wiederholen könnten. Vorausgesetzt, man hat seine Zugangsdaten noch greifbar. Doch wenn alle Stricke reißen sollten, kann es auch jemand abfotografieren und in die WhatsApp-Klassengruppe schicken.

In der nächsten Stunde haben wir Englisch im Computerraum. Unsere Lehrerin beauftragt uns, die PCs hochzufahren und auf der Lernplattform „Ego4u“ Grammatik zu üben. Die ersten Schüler legen gleich los, andere fragen immer noch, wie sie auf die Seite gelangen oder was sie machen sollen. Wenn ein Wort unverständlich ist, wird direkt ein Onlinewörterbuch geöffnet statt des dicken analogen Schinkens.

Am Handy geht das Ganze natürlich noch schneller, doch halt – da kommt eine Nachricht rein. Also lese ich die zuerst. Mann, jetzt habe ich vergessen, was ich eigentlich am Handy machen wollte. Ach ja richtig, ich wollte „particularly“ online nachschlagen. Nach einer Weile Übung bei der Onlinelernplattform fühle ich mich richtig gut, so viel geschafft zu haben. Ich bin richtig stolz auf mich und gehe gut gelaunt in die Pause.

Im dritten Unterrichtsblock steht laut Onlinestundenplan Deutsch an. Heute sollen wir einen Leserbrief verfassen zum Thema „Feinstaubbelastung durch Raketen an Neujahr“. Ich schaue in die Klasse und entdecke, dass viele ihre mitgebrachten Laptops auspacken und mit ihrem Leserbrief starten. Leider habe ich vergessen, mein Tablet zu laden und greife zu Stift und Papier.

Briefe an Wand projizieren

Als die Ersten schon fertig sind, vergnügen sie sich erneut mit ihren Smartphones. Sobald die meisten Briefe geschrieben sind, werden sie unter die Dokumentenkamera gelegt und an die Wand projiziert. Aus Zeitgründen schaffen wir leider nur zwei Briefe.

Gegen Ende der Schulstunde öffne ich zum vierten Mal unseren Onlinestundenplan und frage mich erneut, ob jetzt der letzte Unterrichtsblock vertreten wird. Mittlerweile ist er nicht mehr lila markiert, sondern grau und durchgestrichen. Das bedeutet wohl, dass der letzte Block entfällt.

LAURA HAAS

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