Neben einem Kommentar, der den Standpunkt des Kommentators zu einem bestimmten Thema bekanntgibt, ist auch der Leitartikel eine journalistische Darstellungsform, die sich kritisch mit einem aktuellen Thema - meist einem Brennpunktthema - auseinandersetzt.

Der Leitartikel geht noch tiefer als der Kommentar und ist dementsprechend auch länger. Er bietet dem Leser Hintergrundinformationen, um das Thema besser einordnen zu können, und Argumente, die die Meinung des Leitartikelverfassers stützen und widerspiegeln. Meistens entspricht der Inhalt eines Leitartikels auch der politischen Ausrichtung der Zeitung.

Im Folgenden gibt es einen Leitartikel von Sebastian Böhm zum dramatischen Absturz des Germanwings-Flugzeugs und des Journalismus zu lesen. Leserbriefe zu diesem Leitartikel stehen im Wiki unter "Leserbriefe".

Die Medien-Katastrophe

Was wir aus dem Absturz des Journalismus lernen

Kurz nachdem Staatsanwalt Brice Robin den Namen des Co-Piloten von Flug 4U 9525 bekanntgegeben hatte, existierten unter diesem Namen plötzlich zwei Facebook-Profile. Eines stellte den 27-Jährigen als Wirrkopf mit islamistischem Hintergrund dar, das andere als Islamhasser. Beide waren gefälscht, das tatsächliche Facebook-Profil war bereits gelöscht.

Unter der digitalen Traueranzeige für einen Dortmunder Grünen-Politiker, der ebenfalls in der Maschine nach Düsseldorf saß, sammelten sich in kürzester Zeit derart menschenverachtende Kommentare, dass man deren Inhalt nicht einmal andeuten sollte. Man muss diese Entgleisungen nicht kommentieren. Es reicht aus, sie zu dokumentieren, um aufzuzeigen, welch abscheulicher und gefährlicher Ton in keinesfalls sozialen Netzwerken herrschen kann.

In dieser Woche aber haben sich auch Menschen derlei Entgleisungen geleistet, die dafür bezahlt werden, dass sie noch einmal kurz nachdenken, bevor sie der schnellen digitalen Empörung Journalismus gegenüberstellen, dass sie vermeintliche Fakten prüfen, Spekulationen unterlassen und dass sie sich die Frage stellen, wo das Informationsbedürfnis aufhört und der Voyeurismus anfängt, bevor sie eine Zeitungsseite für den Druck freigeben.

Die Zeit nimmt sich keine Zeit

In Ermangelung neuer Informationen wurden für den Absturz unter anderem verantwortlich gemacht: ein schweres Gewitter (das es nicht gegeben hat), das Alter der Maschine (obwohl 24 Jahre keinesfalls außergewöhnlich sind), eine geborstene Frontscheibe (die nicht verhindert hätte, dass der Autopilot das Flugzeug auf Kurs hält). Am schnellsten waren dabei die Hysterie-Beschleuniger der Bild-Zeitung, die natürlich auch die ersten Fotos von trauernden Angehörigen verbreiteten. Aber es gibt kaum ein Online-Portal, das in diesen 48 Stunden keine Falschmeldung herausgefeuert hat. Trotzdem war das nur der Anfang der Medienkatastrophe.

Am Donnerstag erschien DieZeit mit einem Kranich im Sturzflug auf der Titelseite als Hinweis auf einen Text, der den Sparkurs bei Lufthansa mit dem Absturz in Verbindung brachte. Während sich die stellvertretende Chefredakteurin mit einer kleinlauten Entschuldigung noch der digitalen Empörungswelle entgegenstellte, wischte eine Pressekonferenz in Marseille sämtliche Spekulationen vom Tisch. Und die Jagd nahm erst richtig an Fahrt auf.

Es lohnt sich innezuhalten

Fotos und Bewegtbilder vom Elternhaus des Co-Piloten erschienen auch auf den Smartphone- und TV-Bildschirmen jener, die diese gar nicht sehen wollten. Das Profilfoto von der gelöschten Facebook-Seite des 27-Jährigen wurde selbst auf dem vermeintlich seriösen Portal der FAZ veröffentlicht. Die Welt deutete Hobbys in einen Porträtschnellschuss um. Dass Robin dem Grauen einen Namen gegeben hatte, wurde nur zu gerne als Erlaubnis gedeutet, den Namen zu verbreiten.

Da reicht es nicht mehr, nur zu dokumentieren: Wenn selbst Reporter, Fotografen und Chefredakteure seriöser Medienhäuser als Kontrollinstanzen versagen, wem kann man dann noch trauen? Bei den Nürnberger Nachrichten wurde vielstimmig darüber diskutiert, ob man, wie beinahe alle anderen, den vollen Namen nennen und das Elternhaus zeigen soll. Beide Fragen wurden verneint. Das Innehalten hat sich gelohnt. Aber auch wir werden uns im Wettkampf um die schnellste Meldung immer wieder journalistischer Grundsätze erinnern müssen.

Eines darf man bei dieser Selbstanklage nicht vergessen: Wenn es niemanden gäbe, der nach schnellen Bildern, Nicht-Informationen und Spekulationen giert, der zahlt und klickt, würde diesen Voyeurismus niemand bedienen. Trotzdem, dem Satz von Michael Busch ist leider nichts hinzuzufügen: „Es gibt Tage, da schäme ich mich, Journalist zu sein“, schrieb der Vorsitzende des Bayerischen Journalistenverbands. Der Donnerstag war so ein Tag.

WordPress Video Lightbox