Die Nürnberger Nachrichten wurden am 11. Oktober 1945 gegründet und feierten 2015 ihren 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass erschien folgender Artikel von Hans-Peter Kastenhuber:

Vom Mitteilungsblatt zur großen Regionalzeitung

Die Nürnberger Nachrichten waren 1945 Teil des demokratischen Neuanfangs

Die Zeiten waren keine feierlichen. Die Welt lag in Trümmern. Wer den sechs Jahre wütenden Irrsinn des Kriegs und den Nazi-Terror überlebt hatte, der hatte sich jetzt im täglichen Überlebenskampf gegen Hunger, Krankheit und die Trauer um die in fast allen Familien zu beklagenden Opfer zu behaupten. Und doch musste dieser 11. Oktober 1945 als Geburtsdatum einer neuen Zeitung wenigstens mit ein bisschen feierlichem Gestus begangen werden. Also ziert die Titelseite der ersten Ausgabe der Nürnberger Nachrichten links oben ein Gedicht. Auszüge aus „Abkehr vom Krieg“ des Nürnberger Arbeiterdichters Karl Bröger, die sich wie eine Beschwörungsformel der Überlebenden lesen: „Krieg soll sein Schwert nicht mehr an unsren Knochen schärfen/und Lasten kneten aus Mensch und Metall,/sie hohnvoll auf die Waage zu werfen./Wir wollen der Erde neue Gewichte geben,/ die Liebe aufrichten aus ihrem tiefsten Fall/und allen künden: Heilig der Mensch und dreimal heilig das Leben!“

Keine Druckerei

Es gleicht im Grunde einem kleinen Wunder, dass fünf Monate nach dem Ende des „totalen Kriegs“, der zuletzt auch große Teile Nürnbergs in Schutt und Asche gelegt hatte, inmitten des improvisierten Tauschhandels der Straße für 20 Pfennige eine sechsseitige Zeitung zum Kauf angeboten wird. In der einstigen Druckhochburg hatte sich schließlich kein einziger intakter Betrieb mehr gefunden, der für eine Zeitungsproduktion getaugt hätte. Papier, Druckfarben, selbst Bleistifte sind absolute Mangelware. Im 20 Kilometer entfernten Zirndorf, wo die kleine Druckerei Bollmann das Glück hatte, von Bomben unversehrt geblieben zu sein, wird das neue Blatt in den ersten vier Jahren geschrieben und gedruckt.

Eine freie, demokratische und unabhängige Presse soll nach dem Willen der amerikanischen Besatzer in Deutschland entstehen. Entsprechend gründlich wählen sie unter den 200 Bewerbern aus, die sich um die Lizenz zur Herausgabe einer Zeitung beworben haben. Joseph E. Drexel garantiert nach Überzeugung der Amerikaner am zuverlässigsten einen solchen Neuanfang. Der Publizist war während der NS-Jahre im Kreis um Ernst Niekisch im Widerstand gegen das Hitler-Regime aktiv gewesen. Zuchthaus und KZ-Haft in Mauthausen und Flossenbürg hatte ihm diese aufrechte Haltung eingetragen.

Gegen Verzagtheit

Drexel glaubt auch jetzt fest daran, dass aus den Trümmerhaufen etwas wachsen kann, für das es sich lohnt zu werben und zu arbeiten. Gegen Verzagtheit und Depression schreibt er an in seinem ersten Leitartikel der Nürnberger Nachrichten — aufs Neue erfüllt von einer alten Zuversicht: „Demokratie ist etwas, was unaufhaltbar im natürlichen Gefälle der Geschichte liegt. (. . .) Gegen ihren sieghaften Fortgang gibt es kein zureichendes Mittel. Sich um diese Konsequenz herumzudrücken, ist keinem Volke gestattet – auch dem deutschen Volke nicht.“

Drexel mag gespürt haben, dass nach zwölf Jahren Diktatur und entmutigt von der Erinnerung an das Scheitern der Weimarer Republik längst nicht die große Mehrheit der Deutschen überzeugt davon war, dass im zweiten Anlauf das Projekt Demokratie gelingen könnte. Aber er darf dann auch erleben, wie groß doch der Hunger der Menschen nach Information und sich endlich wieder frei entfaltender Debattenkultur ist.

Die Nürnberger Nachrichten, die vor allem aufgrund  des anhaltenden Papiermangels zunächst nur zweimal die Woche erscheinen, finden reißenden Absatz. Als 1949 mit der Wirksamkeit des Grundgesetzes die Lizenzpflicht entfällt und erste Konkurrenzblätter entstehen, liegt die Auflage der in der Region bereits um zusätzliche Lokalausgaben ergänzten NN bereits bei stattlichen 150 000 Exemplaren.

Das stetig wachsende Redaktions- und Verlagsteam zieht im selben Jahr von Zirndorf nach Nürnberg um. Ab 1952 erscheint die Zeitung endlich sechsmal wöchentlich. Chefredakteur Roland Buschmann macht aus dem etwas unstrukturierten Mitteilungsblatt der Anfangsjahre eine moderne Tageszeitung. Und zum Führungsteam des Verlags stößt ein junger Mann, der bald zur prägenden Figur des Unternehmens wird: Bruno Schnell. In den späteren 50er Jahren entwickelt er das Konzept einer „Arbeits- und Interessengemeinschaft“ zwischen den Nürnberger Nachrichten und den in den Kleinstädten der mittelfränkischen Region mittlerweile wiederbelebten Heimatzeitungsverlagen.

Die Produktion einer vollwertigen, attraktiven Tageszeitung war da nämlich zu einer kostenträchtigen Angelegenheit geworden. Schnells „Nürnberger Modell“, das den kooperierenden Lokalzeitungen einen qualitativ hochwertigen Mantelteil mit Politik-, Kultur-, Wirtschafts-, Sport- und Regionalberichterstattung sichert, ihnen gleichzeitig aber verlegerische Selbstständigkeit lässt, führt zu einem Anwachsen der Gesamtauflage auf weit über 300 000 Exemplare. Das Verbreitungsgebiet umfasst ganz Mittelfranken und reicht mit eigenen Lokalredaktionen in Forchheim, Pegnitz und Neumarkt auch nach Oberfranken und in die Oberpfalz hinein.

Soziale Verantwortung

Bruno Schnell, der seit 1974 Verleger und Herausgeber der Nürnberger Nachrichten ist, sorgt nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg des Hauses, er prägt auch den von hohem sozialem Verantwortungsbewusstsein geprägten Unternehmensstil des Hauses. Und im Gegensatz zu vielen anderen Verlagen in der deutschen Medienszene gilt die hohe Arbeitsplatzsicherheit bei den NN auch noch, als die ökonomischen Rahmenbedingungen schwieriger werden.

Vor allem das Internet hat die wirtschaftliche Basis des Qualitätsjournalismus nachhaltig verändert. Nicht nur, weil wichtige Teile des Anzeigengeschäfts verloren gingen, sondern weil erstmals ein Konkurrent mit in den Wettbewerb eintrat, der fatalerweise den Eindruck erweckte, alle journalistischen Inhalte – auch aufwendig und professionell erstellte – seien für den Nutzer plötzlich stets kostenlos verfügbar.

Düstere Prognosen

Quer durch die Branche löste dies erhebliche Verunsicherung und sich im Pessimismus überbietende Prognosen für das baldige Ende des alten Mediums Tageszeitung aus. Seit man bemerkt hat, dass die düstersten Vorhersagen bereits ganz munter überlebt wurden, kehrt allmählich das Selbstbewusstsein zurück. Auch die Nürnberger Nachrichten haben allen Grund dazu. Gemeinsam mit der in den 60er Jahren vom Verlag übernommenen Nürnberger Zeitung steigerten sie im vergangenen Jahr ihre Reichweitenwerte und erreichten 857 000 Leserinnen und Leser.

Die in sieben Jahrzehnten erworbene journalistische Kompetenz, das größte Vermögen eines Medienhauses, soll auch die Zukunft des Verlagshauses sichern. „Das Geschäft mit der Information wird tragendes Element bleiben und nicht durch größtmögliche Diversifikation und massive E-Commerce-Bemühungen abgelöst“, sagt Toni Schnell, Online-Bevollmächtigter des Unternehmens und für die digitale Entwicklung des Medienhauses zuständig. Nur die Ausspielkanäle, über die die Nachrichten, Hintergrundberichte und Kommentare bei den Leserinnen und Lesern landen, werden im Laufe der Zeit noch vielfältiger werden, als sie es ohnehin schon sind.

Neue Produkte

Zu den bereits existierenden Online-Angeboten, E-Paper-Ausgaben und Apps – beispielsweise dem journalistisch und grafisch hochwertigen digitalen Wochenend-Magazin SamSon — werden weitere elektronische Produkte kommen. So ist bereits eine weiterentwickelte tägliche Digitalausgabe 2.0 in Vorbereitung.

All diese Angebote werden das Druckprodukt Zeitung ergänzen, aber so schnell wohl nicht ersetzen. Weil in der hochbeschleunigten und immer unübersichtlicher werdenden Welt die papierne Zeitung ein wohltuend klarer und ruhiger Navigator durch den Informations-Overkill unserer vielen Bildschirm-Medien sein kann. Die Zeitung wird gebraucht. Auch nach 70 Jahren noch.

Folgendes Video hat der Bayerische Rundfunk über die Nürnberger Nachrichten gemacht:

 

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